Live-Events in Gefahr – Gastkommentar des Europaabgeordneten Hannes Heide
Ist das Ergebnis bekannt, der letzte Ton verklungen oder der Vorhang gefallen, sinkt der wirtschaftliche Wert der Übertragung rapide. Wer ein Live-Event illegal verbreitet, kann deshalb in kurzer Zeit einen erheblichen Schaden verursachen, der später kaum noch aufzuholen ist.
Milliarden Verluste durch illegales Streaming
Wie groß das Problem inzwischen ist, zeigt ein aktuelles Beispiel aus dem Fußball. Beim Champions-League-Finale zwischen Paris Saint-Germain und Arsenal im Mai 2026 wurden allein in Großbritannien schätzungsweise 16,2 Millionen Aufrufe illegaler Streams registriert. Solche Zahlen machen deutlich Live-Piraterie ist längst kein Randphänomen mehr. Sie bedroht die wirtschaftliche Grundlage jener, die in Sport, Musik und Kultur investieren und Live-Erlebnisse überhaupt erst möglich machen. Das gilt nicht nur für den Sport auch Konzerte und Festivals werden zu digitalen Live-Erlebnissen. Beim Coachella Festival etwa ist der offizielle Livestream der Konzerte auf YouTube inzwischen ein wesentlicher Bestandteil des Veranstaltungskonzepts und erreicht Millionen Menschen weltweit. Je größer dieser digitale Markt wird, desto attraktiver wird er auch für illegale Anbieter. Live-Piraterie trifft damit nicht nur große Veranstalter oder Streamingplattformen. Sie berührt die gesamte Wertschöpfungskette, von den Künstlerinnen und Künstlern über Urheber und Produzenten bis hin zu den Veranstaltern.
Live-Piraterie braucht eine Antwort in Echtzeit
Bereits 2021 haben wir im Europäischen Parlament eine Verbesserung des Rechtsrahmens für Live-Sportübertragungen und insbesondere schnelle Verfahren gegen illegale Streams gefordert. Im Mittelpunkt stand die Erkenntnis, dass klassische Melde-Verfahren bei Live-Events häufig zu langsam sind. Das Parlament sprach sich deshalb für eine Entfernung illegaler Übertragungen möglichst sofort, spätestens aber innerhalb von 30 Minuten nach einer qualifizierten Meldung, aus. Zwei Jahre später empfahl die Europäische Kommission zur Bekämpfung der Online-Piraterie von Sport und anderen Live-Veranstaltungen, ausdrücklich auch von Konzerten und Theateraufführungen eine bessere Zusammenarbeit von Rechteinhabern, Plattformen, Behörden und Mitgliedstaaten. Doch die bisherigen Maßnahmen reichen offensichtlich noch nicht aus. Die Europäische Kommission kam Ende 2025 zu dem Ergebnis, dass die Bearbeitung von Meldungen oft nicht funktioniert und die Plattformen wenig Kooperationsbereitschaft zeigen. Nun hat die Europäische Kommission dieses Problem erneut auf die Agenda gesetzt. Ihre im September gestartete gezielte Konsultation zu den Herausforderungen des Urheberrechts beschäftigt sich unter anderem mit der Nutzung urheberrechtlich geschützter Inhalte durch künstliche Intelligenz, der Bekämpfung der Online-Piraterie von Live-Inhalten, der angemessenen Vergütung von Musikinterpretinnen und -interpreten sowie Produzentinnen und Produzenten und dem Verhältnis von Urheberrecht und wissenschaftlicher Forschung. Im November werden dazu Ergebnisse erwartet.
Finanzierung illegaler Seiten kappen
Ich bin der Überzeugung, dass wir einen europäischen Rechtsrahmen brauchen, der die Besonderheiten von Live-Veranstaltungen ernst nimmt. Dynamische Sperrverfügungen können dabei ein wichtiges Instrument sein. Sie ermöglichen auf Grundlage eines Gerichtsbeschlusses illegale Streamingseiten zu sperren, auch wenn diese nach der Sperre unter abgeändertem Namen wieder die gleichen illegalen Inhalte anbieten. Aber diese Sperren müssen präzise, zeitlich begrenzt und auf die tatsächlich rechtswidrigen Inhalte beschränkt sein. Es darf nicht dazu kommen, dass legale Inhalte, journalistische Berichterstattung oder die Meinungsfreiheit gleich mit blockiert werden. Illegale Streaming-Angebote finanzieren sich über Abonnements, Werbung und Zahlungsdienste. Deshalb muss bei der Bekämpfung die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick genommen werden von den Plattformen über Werbevermittler bis hin zu Zahlungsdienstleistern. Dabei geht es nicht allein um wirtschaftliche Schäden. Illegale Streaming-Seiten können auch ein Sicherheitsrisiko für Konsumentinnen und Konsumenten darstellen. Malware, Betrug und der Diebstahl persönlicher Daten sind auf diesen Plattformen eine häufige Gefahr.
Meinungsfreiheit schützen
Live Veranstaltungen sind weit mehr als Orte der Unterhaltung. Sie können Räume für gesellschaftlichen Austausch, freie Meinungsäußerung und demokratische Debatte sein. Wie verletzlich diese Freiheit sein kann, zeigt das Beispiel des EXIT Festivals in Serbien. Es ist aus einer studentischen Bewegung für Frieden und Freiheit hervorgegangen und unterstützte öffentlich die Studentenproteste gegen die autokratische Regierung von Aleksandar Vucic in Serbien. Die Veranstalter berichteten anschließend von erheblichem politischem und finanziellem Druck und ungerechtfertigten Verhaftungen und kündigten an das Festival in das benachbarte Montenegro zu verlagern. Um künstlerische Freiheit zu fördern muss Europa Kultur deshalb nicht nur rechtlich schützen, sondern auch politisch und finanziell ermöglichen. Umso wichtiger ist in den kommenden Jahren, wenn im Europäischen Parlament über die Zukunft von Creative Europe im Rahmen des neuen Programms AgoraEU entscheiden wird, für eine ausreichende Budgetierung zu sorgen.















